Wie geht man als Filmkomponist die Vertonung eines Kinderfilms an? Eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder man unterschätzt die Zielgruppe – oder man nimmt sie ernst. Das Beste, was Detlev Buck bei seiner ersten Regiearbeit (vornehmlich) für Kinder passieren konnte, war, dass sich die Komponistin Natalia Dittrich bei ihrer ersten großen Kinoarbeit für die zweite, schwierigere Variante entschied. „Hände weg von Mississippi!“ (2007) nach dem Kinderbuch von Cornelia Funke ist ein „Heile Welt“-Stoff, etwas in der Art der Abenteuer des kleinen Michel aus Lönneberga (nach Astrid Lindgren): ein freundlicher Tanz, zwar immer am Rand der Katastrophe, aber stets in der beruhigenden Gewissheit, dass eigentlich nichts passieren kann. Auch die zehnjährige Emma, die die Ferien bei ihrer tierlieben Großmutter auf dem Land verbringt und durch den Erwerb eines Pferdes ins Zentrum eines giftigen Erbschaftsstreits gerät, ist trotz aller Wehen immer auf der sicheren Seite. Dafür sorgen die kauzigen Charaktere, die heimelige Dorfidylle und der Sonnenschein, der trotz gelegentlicher Regenwolken nahezu immer das Dasein wärmt. Für diese Farbe brauchte Natalia Dittrich also nicht weiter zu sorgen; allzu süße, beschwichtigende Wohlklänge wären völlig fehl am Platz. Der kluge Kniff der Komponistin ist hier ein amerikanisches Country-Feeling, auch wenn das eigentlich nicht wirklich zum platten Land im Norden zu passen scheint. Steel-Guitar, die Fidel, das Hackbrett und der Jazz-Besen, der sanft über die kleine Trommel streicht – all das klingt angenehm erwachsen für einen Kinderfilm.
Immer wieder schleichen sich Pizzicato-Geigen oder Holzbläser ein, um durch ein wenig „Mickey-Mousing“ komödiantische Akzente zu setzen. Damit wird das Komödien-Sujet der Geschichte bedient, was jedoch nie albern oder überzogen erscheint. Hinzu kommt, dass das Country-Feeling auf ganz spezielle Art immer dann aufgebrochen wird, wenn es spannend wird. Es ist dies eine Art Musik, wie sie auch die Coen-Brüder für ihre Filme bei Carter Burwell bestellen. Wenn beispielsweise der Bösewicht etabliert wird, wandelt sich die Musik ins Dunkle, die Verschmitztheit erhält eine Blues-Note, und in den Klängen schwebt etwas Verstörendes mit. Das wirkt gleichermaßen bei Erwachsenen wie Kindern und gibt der fiesen Figur, die Christoph Maria Herbst verkörpert, eine erschreckende Komponente. So märchenhaft das Sujet im Ganzen auch erscheinen mag, so realistisch ist es in seinem Inneren, wofür die ernsthaft komische und ernsthaft spannende Musik von Natalia Dittrich sorgt. Wenn dann doch mal musikalisch „Heile Welt“ anklingen soll, wählt Dittrich ein romantisches Folk-Motiv, das der Musik jene Wärme gibt, die man in jedem Film gerne hat, erst recht natürlich in einem Kinderfilm.
Der Erfolg von „Hände weg von Mississippi!“ und seiner Filmmusik – sie wurde beim Fernsehfilm-Festival Baden-Baden mit dem Rolf-Hans-Müller-Preis ausgezeichnet – gibt dem Konzept recht. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass es der Komponistin gelungen sei, dem anrührenden Film „jederzeit die perfekte musikalische Stimmung zu unterlegen, ohne sich dabei in den Vordergrund zu spielen. Die sparsam, aber äußerst präzise und wirkungsvoll gesetzte Komposition stützt die Handlung auf subtile Art und Weise, treibt sie voran, und bleibt nachhaltig in Erinnerung“. Es mag deshalb verwundern, dass nach der Filmmusik zu „Hände weg von Mississippi!“ nicht sofort weitere Kino-Herausforderungen auf Natalia Dittrich warteten. Doch auch im Bereich der Fernseh- wie der Kurzfilmmusik lassen sich außergewöhnliche Akzente setzen, was die 1973 in Konopoga (Russland) geborene Tochter eines Komponisten eindrucksvoll tat. Nach einem Geigenstudium an der Berufsschule für Musik und am Konservatorium in Petrosavodsk sowie einer Ausbildung zur Solo- und Orchestergeigerin (1993-1999) kam sie nach Deutschland und studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg Filmkomposition (2001-2005). Es folgten Tonsetzungen für Trick-, Kurz- und Dokumentarfilme, bevor sie nach Abschluss des Studiums die Musik für Bucks „Mississippi“-Film schrieb; seitdem arbeitet sie fürs Kino („Die 4. Revolution – Energy Autonomy“; „U.F.O.“, Regie: Burkhard Feige), fürs Fernsehen und als Studiomusikerin; in der Dale-Wilde-Band, die keltische Klänge aus Irland und Schottland zur Aufführung bringt, spielt sie die Geige; für die Commercial-Melodie „Could It Ever Be Wrong“ begleitete sie Esther Kaiser (die im Duett mit Kristofer Benn singt) auf der Geige. In ihrer Komposition für den Animationskurzfilm „Postcards“ klingen Natalia Dittrichs musikalische Akzente klassisch und emotional gezügelt, wie die Sarabande von Händel; bei Marco Wolfs Albtraumgeschichte lugt die Spannung durch die zirzensische Clownerie. Der fantastische Kurzfilm „Faites vos Jeux – Mach Dein Spiel“ schwelgt mal im Tango, mal ist er ganz „jazzy“. Der nachdenkliche Score zu „Von Kirschen und anderen Dingen“ ist beseelt von Klavier und Streichern, von emotionaler Rhythmik. „Am Rande der Hoffnung“ ist Kammermusik par excellence. Die Musik zum Tanzfilm „Life on Points“ schließlich besteht aus einem vielschichtigen neunminütigen Adagio mit einer atemberaubenden Spannungsdramaturgie, in der sich mal die Flöte, mal das Klavier mit den Streichern ein fesselndes „Pas de deux“ liefern. Eine so faszinierende Musik gehört auf die große Leinwand!
EDITION FILMMUSIK – KOMPONIERT IN DEUTSCHLAND
Dem Talent und der Vielseitigkeit von Filmkomponisten/innen ist es zu verdanken, dass viele aktuelle deutsche Filme oft auch zum Hörerlebnis werden. Die vom FILM-DIENST kuratierte CD-Reihe „Edition Filmmusik – Komponiert in Deutschland“ bietet einen Überblick über die aktuelle deutsche Filmmusik, wobei jede CD jeweils eine(n) Komponisten/in vorstellt.
Aktuell erschienen sind – nach CDs zu Annette Focks, Katia Tchemberdji, Martin Todsharow, Stefan Will, Christine Aufderhaar, Thomas Osterhoff, Dieter Schleip und Angelika Niescier:
CD 09 NATALIA DITTRICH CD 10 ALI N. ASKIN CD 11 MARCEL BARSOTTI CD 12 RALF WENGENMAYR
Die CDs erscheinen beim Label NORMAL Records und sind mit einem ausführlichen Booklet versehen. Sie können im Handel oder über den FILM-DIENST (E-Mail: swolter@film-dienst.de; Internet: www.film-dienst.de) zum Preis von 16,95 EUR (für FILM-DIENST-Abonnenten 14,95 EUR) bezogen werden. |