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Der Film vor dem Filmkino
Wie Pixar den Kurzfilm am Leben hältDruckversion
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Lange Zeit wurde der Kurzfilm in deutschen Kinos mit einem schalen Beigeschmack kultiviert. Bis in die 1980er-Jahre „traktierte“ man ein vornehmlich auf Unterhaltung bedachtes Kinopublikum mit „kulturell wertvollen“, FBW-prädikatisierten Mehrminütern, was es auch Bahnhofkinos ermöglichte, die Vergnügungssteuer zu sparen. Kurzfilme standen damals im Ruf ungeliebter Werbeblock-Verlängerer, denen man keine Träne nachweinte, als in vielen Bundesländern die Vergnügungssteuer abgeschafft wurde. Inzwischen kann man die in der Regel kaum mehr als zehn Minuten langen Werke nicht mehr als Vorfilm im Kino, sondern zumeist nur noch in Spezialsektionen der Filmfestivals sehen – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Ausgerechnet Walt Disney, der Unterhaltungsriese par excellence, leistet sich nach wie vor den Luxus des „Films vor dem Film“ – und das unter großem Applaus des sonst doch recht ungeduldigen Multiplex-Publikums.

Schon lange, bevor das Animationsstudio Pixar von der „Mutter aller Trickfilme“ übernommen wurde und dessen „Chief Creative Officer“ John Lasseter 2006 verkündete, dass fortan vor jedem Disney-Kinofilm ein Kurzfilm laufen werde, war Pixar der Inbegriff der (computeranimierten) „Shorties“. Ein Zusammenschluss technikbegeisterter Grafiker bei Lucasfilm im so genannten Computer Graphics Project realisierte 1984 den Zweiminüter „The Adventures of André and Wally B.“. Unter Federführung von Lasseter gestaltet, galt das folgenschwere Zusammentreffen zwischen Biene und Knollennasenmännchen zunächst nur als Promotion-Gag für die renommierte Computergrafik Messe SIGGRAPH; ein Experiment, das jedoch mit stehenden Ovationen gefeiert wurde. Erstmals, so Lasseter, wurden nicht nur Glaskugeln auf Schachbrettern animiert, sondern „echte“ Charaktere in tragikomischen Geschichten. Der mit „Toy Story“ weltberühmt gewordene Regisseur erzählt seither gerne die Anekdote vom Programmierer, der ihn nach der Software fragte, die den Film so komisch mache. Lasseter, der den Strukturen klassischer Animationsfilme stets mehr vertraute als Computer-Logarithmen, etablierte im CGI-Genre Identifikationsfiguren, Storys und Pointen. Dabei entdeckte er ganz nebenbei die Seele im Alltagsgegenstand. So kam es, dass sein Kurzfilm „Luxo jr.“ (1986) über eine kleine Schreibtischlampe die Herzen eines Millionenpublikums eroberte und darüber auch zur Trademark des „Pixar“-Studios avancierte. Bereits in den 1980er-Jahren von Disney umworben, realisierte das mit Kurzfilmen groß gewordene Pixar-Studio 1995 mit „Toy Story“ seinen ersten CGI-Langfilm in Kooperation mit dem Disney-Verleih, der indes noch ohne Vorfilm in die Kinos kam. Auch wenn „The Adventures of André and Wally B.“ bisweilen im Kino vor Terry Gilliams „Brazil“ zu sehen war, dauert es bis zu „Das große Krabbeln“ (1998), ehe mit „Geri’s Game“ erstmals regulär ein Kurz- dem Langfilm vorangestellt wurde. Der Film über einen alten Mann, der nach hartem Kampf sein imaginiertes Alter Ego im Schach besiegt, sicherte Pixar den zweiten von bis dato drei Kurzfilm-„Oscars“. Seither hat sich das Studio der „Politik“ verschrieben, Talenten vornehmlich aus den eigenen Reihen eine Chance zu geben, sich mit dem Kurzfilmformat einem großen Publikum vorzustellen und originelle Themen sowie neue Produktionstechniken zu erproben. Das „Eigengewächs“ Ralph Eggleston gewann so mit dem „Die Monster AG“-Vorfilm „Der Vogelschreck“ nicht nur einen „Oscar“, sondern avancierte als Art Director von „Wall*E“ und „Oben“ zu einem der wichtigen Köpfe des Studios. Mit Beginn des Hypes um „Special Edition“-DVDs wurden dann zudem Bonus-Kurzfilme direkt für den Heimkinomarkt produziert, in denen die Stars der Langfilme weitere Abenteuer zu bestehen haben. Der sprechende Hund Dug aus „Oben“ etwa wurde so jüngst in „Dug’s Special Mission“ („Dug – Ein Up Short“, 2009) auf einen fünfminütigen „Sondereinsatz“ geschickt.

Pixars Kurzfilme waren schon immer Ideenschmieden. Die Spielzeuge entwickelten darin schon lange vor „Toy Story“ ein Eigenleben („Tin Toy“, 1988). So war es nur folgerichtig, dass man im Thinktank damit experimentiert, wie man klassische 2D-Animation mit stereoskopischen 3D-Effekten anreichern könnte. Herausgekommen ist dabei der Kurzfilm „Day & Night“ (2010), in dem der Tag und die Nacht im schwarzen Nirwana erstmals von ihrer gegenseitigen Existenz erfahren. Ganz perplex ob ihrer konträren Personalitäten, rivalisieren sie zunächst, bis sie schließlich erkennen, dass jeder seine Vorzüge hat und beide ein wichtiger Teil des Ganzen sind. Wie bei Pixar-Kurzfilme üblich, vermittelt sich die Geschichte auch hier weitgehend ohne Dialoge, allein durch geschickt dramatisierte, mit viel Sinn für Timing komponierte Bildeindrücke. Die dritte Dimension, die sich in „Day & Night“ in den mopsigen Körpern wie durch ein Guckloch auftut, ist nicht Selbstzweck, sondern ein untergeordnetes Gestaltungsmittel. Im wahren Sinne des Wortes im Vordergrund stehen die beiden planen Cartoon-Männchen, die im Animationsstil der Vor-Computerzeit die emotionale Bindung zum Zuschauer herstellen.

„Day & Night“ kommt als Vorfilm von „Toy Story 3“ in die Kinos und ist ein weiteres geniales Pixar-Werk, in dem Abstraktes zum Leben erweckt wird und direkt in die Herzen des Publikums fährt. Es stellt sich pure Freude ein – auch im Hinblick auf das, was noch passieren wird, wenn Regiedebütant Teddy Newton und all die Talente bei Pixar/Disney in den nächsten Jahren die Fantasie spielen lassen.

Pixars Kurzfilme

„Geri’s Game“
(1998, Vorfilm zu „Das große Krabbeln“. Regie: Jan Pinkava)
„Luxo Jr.“ (1999, Vorfilm zu „Toy Story 2“. Regie: John Lasseter)
„Der Vogelschreck“ (2001, Vorfilm zu „Die Monster AG“. R: Ralph Eggleston, Art Director „Wall*E“& „Oben“)
„Mike’s New Car“ (2002, Vorfilm zur DVD-Edition „Die Monster AG“. Regie: Pete Docter, Roger Gould.
„Knick Knack“ (2003, Vorfilm zu „Findet Nemo“. Regie: John Lasseter)
„Ein Schaf ist von der Wolle“ (2004, Vorfilm zu „Die Unglaublichen. Regie: Bud Luckey)
„Jack-Jack Attack“ (2005, Vorfilm zur DVD-Edition „Die Unglaublichen“. Regie: Brad Bird)
„Die Ein-Mann-Band“ (2006, Vorfilm zu „Cars“. Regie: Mark Andrews und Andrew Jimenez)
„Mater and the Ghostlight“ (2006, Vorfilm zur DVD-Edition von „Cars“. Regie: John Lasseter, Dan Scanlon)
„Lifted“ (2007, Vorfilm zu „Ratatouille“. Regie: Gary Rydstrom, Regisseur von „Newt“, 2012)
„Dein Freund, die Ratte“ (2007, Vorfilm zur DVD-Edition „Ratatouille“. Regie: Jim Capobianco)
„Presto“ (2008, Vorfilm „Wall*E“. R: Doug Sweetland)
„Burn*E“ (2008, Vorfilm zur DVD-Edition „Wall*E“. Regie: Angus MacLane)
„Teilweise wolkig“ (2009, Vorfilm zu „Oben“. Regie: Peter Sohn)
„Dugs Sondereinsatz“ (2009, Vorfilm zu „Oben“, Regie: Ronnie del Carmen)
„Day & Night“ (2010, Vorfilm zu „Toy Story 3“. Regie: Teddy Newton)

Die auf DVD und Blu-ray erhältliche Edition „Pixars komplette Kurzfilm Collection“ umfasst Kurzfilme, die bis zum Jahr 2007 fertig gestellt wurden. (Anbieter: Walt Disney, FSK: o.A.; Länge: 53 Min.)
Jörg Gerle
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