IN DEN KÖPFEN GEDANKEN ZERSÄGEND liegen wir in den Häusern überlegend was zu tun. Hin und abermals hin brütet einer die Idee vielleicht sogar aus. Manche glauben ihm und ziehen los, es zu tun. Wir anderen bleiben liegen und sehen sie nicht mehr. Wenn einer WARUM fragt, erschlagen wir ihn. Thomas Brasch
Die ganz und gar erstaunliche DVD-Edition „Thomas Brasch: Filme“ dokumentiert eine knifflige, mitunter nicht humorfreie Geschichte, wie sie sich nur in einem geteilten Land ereignen kann, in dem beide Teile größten Wert auf einen produktiven Kulturbetrieb legen und in dem Dissidenz gepflegt wird, weil sie das Bestehende legitimiert. An einer Haltung zu diesem Widerspruch hat Thomas Brasch zeitlebens laboriert, erst in der DDR, dann in der Bundesrepublik Deutschland. Als er in der DDR keine Arbeitsmöglichkeit mehr für sich sah, wechselte er in die BRD, wo er zwischen 1981 und 1988 drei Spielfilme drehte, von denen zwei im Wettbewerb in Cannes liefen, der dritte in Locarno ausgezeichnet wurde. Diese drei Filme, auf vielfache Weise verquickt mit der deutschen Geschichte und Braschs Biografie, stehen in den 1980er-Jahren solitär da – und sollten dringend dem Vergessen entrissen werden. Die hinreißende DVD-Edition macht nicht nur die Filme zugänglich, sondern kontextualisiert sie mustergültig durch ein informatives Booklet und insbesondere das extrem klug ausgewählte Bonus-Material.
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„Geh doch nach drüben!“, hieß es 1976 in der DDR seitens der SED-Führung, als Brasch unmittelbar nach der Wiedereinreise-Verweigerung für Wolf Biermann eine Protest-Resolution unterzeichnete – und so gingen er, Katharina Thalbach und deren Tochter Anna im Dezember 1976 in den Westen. Das heißt: Sie zogen gerade mal zwei Kilometer Luftlinie um – von Ost- nach West-Berlin. Thomas Brasch war eine legendäre Type der alten Szene vom Prenzlauer Berg, von dessen eigenwilligen Eskapaden auch die Westmedien Wind bekommen hatten. 1945 im britischen Exil geboren, zog Thomas mit seiner Familie 1947 zurück in die DDR, wo der Vater Horst Brasch als FDJ- und SED-Funktionär Karriere machte; ab 1963 war er Mitglied des ZK der SED und Abgeordneter der Volkskammer der DDR. Sein Sohn Thomas begann früh zu schreiben und machte 1963 Abitur. Er studierte Journalistik in Leipzig, spielte Schlagzeug in einer Band. Ein Jahr später bekam er erstmals Ärger wegen „Verunglimpfung führender Persönlichkeiten der DDR“ und wurde wegen „existenzialistischer Anschauungen“ zwangsexmatrikuliert.
Von nun an hält sich Thomas Brasch mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, schreibt Hörspiele, inszeniert Theaterstücke und schafft das Kunststück, ein Vietnam-Programm zu verfassen, das umgehend wegen „linksradikaler Tendenzen“ abgesetzt wird. 1968 verfasst er das Schallplattenstück „Leon Segel“, das mit den Worten beginnt: „Was sich den Augen bietet, ist erfreulich nicht / in diesem Tagen: Viel Gekämpf und große Gesten / sind zu sehn.“ Ein Jahr zuvor hatte er ein Studium an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg aufgenommen. Als er mit Flugblättern gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts protestierte, wurde er erneut zwangsexmatrikuliert und zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt. Danach: Begnadigung, Arbeit fürs Kindertheater, Anstellung am Ostberliner Brecht-Archiv, ein Jazz-Oratorium über den Bauernkrieg, immer wieder Brüche und Verbote. Am Berliner Ensemble findet Brasch in Helene Weigel einen Protegé, er freundet sich mit Heiner Müller an und verliebt sich in Katharina Thalbach. 1976 geht das Paar in den Westen.
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Nach der Übersiedlung beginnt Braschs vielleicht nicht produktivster (produktiv war der erklärte Arbeiter Brasch immer), aber doch sein erfolgreichster Lebensabschnitt. Sein Prosadebüt „Vor den Vätern sterben die Söhne“ (1977) beim West-Berliner Rotbuch Verlag wird nicht nur zum Bestseller, sondern geradezu zum geflügelten Wort; sein Theaterstück „Rotter“ wird zum „Stück des Jahres 1978“ gewählt. Mit seinen Arbeiten trifft Brasch das „amorphe Lebensgefühl der derzeit tonangebenden literarischen Zirkel der BRD“, wie ein zeitgenössischer Kritiker notierte. Der Neuankömmling, von dem Heiner Müller behauptet, es habe sich beim Umzug keineswegs um eine Entscheidung gegen die DDR oder für die BRD gehandelt, sondern vielmehr um einen Arbeitsplatzwechsel, ruft dem Establishment entgegen: „Ich stehe für niemand anders als für mich.“ Brasch bleibt widerspenstig, stößt seinen ersten West-Verleger F.C. Delius vor den Kopf, indem er sofort einen Vertrag mit Suhrkamp abschließt. Begründung: Er sei kein Linker, warum sollte er dann bei einem linken Verlag sein? Außerdem sei Heiner Müller bei Rotbuch, und von dem wolle er sich gerade emanzipieren. Brasch sitzt zwischen den Stühlen: in der DDR ein Unbequemer ohne Karrierechancen, im Westen ein wohlgelittener Vorzeige-Dissident, den man zunächst mit Literaturpreisen überhäuft und ihm die Möglichkeit eröffnet, seine Stücke auf die bedeutenden Bühnen zu bringen.
Der Anarchist Brasch, der durch die Schule von Brecht und Heiner Müller gegangen ist, kennt sich bei Majakowski und Chlebnikow ebenso gut aus wie bei seinen „Heiligen“ „GuevaraHendrixMaoLeninMonroeAliWerther“ und vielleicht noch „Jim Morisson“ (sic!). Im Booklet der DVD-Edition schreibt Hanns Zischler: „Die Jahre in der DDR hatten eine eiserne und schier unversiegbare Ration an ,Geschichten‘ angehäuft: Berlinmythologisches wie die Gladow-Bande, Anekdoten und Witze (politische, jüdische), Lektüren (Shakespeare, Tschechow, die Expressionisten) und einen reichen Schatz an heftigen familiären, parteipolitischen und behördlichen Kollisionen.“ Damit ausgestattet, leistet Brasch ästhetischen Widerstand gegen die „immer drohende Auslöschung von Erfahrung“ (Zischler). Auch ganz konkret leistet Brasch Widerstand gegen die drohende Vereinnahmung durch den Kulturbetrieb. Als Dissident im Westen will er nicht das Schnitzel sein, wie er Georg Stefan Troller gegenüber in einer Fernseh-Annäherung betont, bei der Brasch ständig auf Distanz bedacht ist. Ein köstliches Duell, von Troller mit einem mokanten Kommentar versehen.
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Heiner Müller rezensierte 1977 im „Spiegel“ „Kargo“, Braschs zweiten Prosaband im Westen, und schrieb: „Die Generation der heute Dreißigjährigen in der DDR hat den Sozialismus nicht als Hoffnung auf das Andere erfahren, sondern als deformierte Realität.“ Auf „Kargo“ folgen die erfolgreichen Stücke „Lieber Georg“ und insbesondere „Mercedes“, doch für mehr Wirbel sorgt Braschs Spielfilmdebüt „Engel aus Eisen“ (1980/81), gedreht in Schwarz-weiß und im Breitwandformat. Der Film, Märchen und Dokumentation zugleich, erzählt die Geschichte des jugendlichen Kleinkriminellen Werner Gladow in Berlin während der Blockade, der zu einer Art Al Capone werden will, indem er das Machtvakuum der geteilten Stadt für seine Zwecke nutzt und sich mit einem arbeitslosen Henker zusammen tut. Es ist ein Gangsterfilm und zugleich ein Lehrstück über unterschiedliche Komponenten des Anarchismus, organisatorisch, zweckgebunden und explosiv: „Was da kaputtgeht, ist dieser Freiheitsversuch in so einem Niemandsland; weil sie aneinander scheitern, nicht, weil der Staat eingegriffen hätte.“
Der formbewusste Debütfilm läuft als bundesdeutscher Beitrag auf dem Filmfestival in Cannes und erhält den Bayerischen Filmpreis. Bei der Preisverleihung kommt es zum Eklat, als Brasch dem anwesenden bayerischen Ministerpräsidenten Strauß seine Position als Zwiespalt erklärt, „gleichzeitig ein Denkmal zu setzen dem anarchistischen Anspruch auf eigene Geschichte und dies zu tun mit dem Wohlwollen derer, die eben diesen Versuch unmöglich machen wollen und müssen, der Herrschenden nämlich“. Brasch beißt die Hand, die ihn füttert, und nimmt den Knochen, das Preisgeld, um „Domino“ (1981/82) drehen zu können. Auf den kurzen Sommer der Anarchie folgt der lange Berliner Winter im Zeichen von Arbeitslosigkeit und Kriegsangst. Ein Schwarz-weiß-Film, erneut. Wer um 1980 öfters in Berlin war, dem werden bei „Domino“ Schauder des Wiedererkennens durch den Körper fahren. In wenigen Tagen zwischen den Jahren fällt die Schauspielerin Lisa (Katharina Thalbach) aus ihrem gewohnten Leben und erfährt, wie es sich anfühlt, wenn man keine Rolle mehr spielt, sondern auf sich selbst geworfen wird. Inmitten des Konsumrauschs herrschen Einsamkeit und Angst. Wer nicht mitmachen will oder kann, wird deportiert; diesmal allerdings liegen die Lager in der Südsee, doch die Sammelstellen sind die alten. Dieser komplexe, allegorische Reigen der Hoffnungslosigkeit mit seinem Pathos, seiner Theatralität und seinen schweren Metaphern fiel seinerzeit beim Publikum durch, ist aber einer der interessantesten deutschen Filme der frühen 1980er-Jahre.
Gleiches gilt für Braschs dritten und ambitioniertesten Spielfilm „Der Passagier“, eine filmische Reflexion über einen ehemaligen KZ-Häftling, der einst gezwungen wurde, an den Dreharbeiten zu einem anti-semitischen Spielfilm mitzuwirken und der heute, 40 Jahre später, nach Deutschland zurückkehrt, um diese Geschichte aufzuarbeiten. Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. Der Regisseur, ein Überlebender, der es mit Tierfilmen zu Ruhm und Ansehen gebracht hat, will sich ein Bild von etwas machen, was er nicht gesehen hat. Ein Film, der einer Vermutung folgt, entwirft „Varianten zur Nicht-Lösung“ (Karsten Witte). Im Mai 1988 in Berlin uraufgeführt, mit Tony Curtis, George Tabori, Charles Regnier, Karin Baal und dem jungen Birol Ünel herausragend besetzt, wurde von der Kritik als „perfekt“ gelobt und vom Publikum übersehen. Karsten Witte charakterisierte die Quintessenz der Filme von Thomas Brasch wie folgt: „Das Alte geht nicht mehr, und das Neue auch nicht.“ Und zitierte damit zugleich eine Sentenz aus Lisas großem Ausstiegsmonolog am Schluss von „Domino“. In dem bemerkenswert dichten Text „Der Passagier – Das Passagere“ (1988) hat Witte nachzuzeichnen versucht, wie vielschichtig und kompetent Brasch seinen Film mit Referenzen an die Filmgeschichte aufgeladen hat. Sieht man den Film heute wieder, vielleicht sogar im Vorgriff auf Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, beginnt man den Satz zu verstehen, den Jutta Ferbers einmal auf Braschs Arbeit gemünzt hat: „Bei Brasch ist Sprache nie Rhetorik, nie Oberfläche, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Ausdruck. Jedes Wort hat – und ist – Geschichte.“
Dann fielen die Mauer und die DDR als Bezugspunkt seiner Arbeiten fort. Wurde es deshalb in den 1990er-Jahren stiller um Brasch? Weitere Filmprojekte gab es, aber sie wurden nicht realisiert. Er schrieb weiter. Die 10.000 Manuskriptseiten des Projekts „Mädchenmörder Brunke“ sind legendär, veröffentlicht wurden davon 1999 gerade mal 97 Seiten. Thomas Brasch starb 2001 in Berlin. Blättert man in dem postumen Erinnerungsband „Das blanke Wesen“, liest man von Geldproblemen, langer Krankheit, nicht abgegebenen Manuskripten, Schreibhemmungen, Suff, Zigarettenwahn, Frauengeschichten, Shakespeare-Übersetzungen, Machismo und schließlich auch: „Er suchte die Reibung, den Kontakt, der für ihn als ehemaligen Boxer auch der Faustschlag sein konnte.“
Hinweise „Thomas Brasch: Filme“. Drei DVDs. 396 Minuten & 152 Minuten Extras; 49-seitiges Booklet; Suhrkamp Verlag 2010. Anbieter: absolut MEDIEN. Thomas Brasch: „Ich merke mich nur im Chaos.“ Interviews 1976–2001. Suhrkamp Verlag 2009. „Der Passagier – Das Passagere“. Gedanken über Filmarbeit. Von Karsten Witte. Frankfurt/Main 1988. |