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Das andere Amerikaaus hollywood
Bilder aus einer hermetischen WeltDruckversion
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Weniger denn je haben Hollywood-Filme heute etwas mit der amerikanischen Realität zu tun. Schon immer ist das Kino für Amerikaner eine Fluchtburg gewesen, um den Widrigkeiten des Lebens zu entkommen. Der Begriff „Traumfabrik“ kommt nicht von ungefähr. Doch die ausschließliche Konzentration auf jugendliches Publikum, die in jüngster Zeit das Denken in Hollywood beherrscht und für immer mehr eskapistische Special-Effects- und Komödienroutine sorgt, trägt zusätzlich dazu bei, dass sich in den Filmen der großen Studios nicht einmal mehr Spurenelemente der amerikanischen Wirklichkeit finden. Die Städte und Landschaften, in denen die Filme angesiedelt sind, die während dieses Sommers das meiste Geld einspielen, haben nur rudimentäre Ähnlichkeit mit dem tatsächlichen Lebensraum, dem die von Jahr zu Jahr jünger werdenden Kinogänger zu entfliehen versuchen. Die Welt, die uns umgibt, wird verbannt, wenn in den Kinos das Licht ausgeht. Ob das auch etwas mit der Rezession zu tun hat, sei jedermanns Vermutung überlassen. Jedenfalls war es anders in der noch viel gravierenderen Rezession der 1930er-Jahre, als zahllose Filme der großen Studios um so intensiver vor dem Hintergrund der allgemeinen Misere angesiedelt wurden – wenn auch, um letztlich neuen Optimismus zu schüren. Gewiss hat es etwas mit Ansprüchen und Träumen zu tun, die heutzutage durch Fernsehen und Internet den Lebensstil beeinflussen. Aber viel wahrscheinlicher sind die Gründe in der wachsenden Oberflächlichkeit des Denkens und der immer geringeren Bereitschaft der Amerikaner zu suchen, sich für soziale Probleme persönlich verantwortlich zu fühlen.

Am Rand der Zivilisation

Sobald man sich allerdings aus den mit Animations- und Effektfilmen verstopften Multiplexen weg bewegt zu den kleinen Kinos, die von den Amerikanern „Arthouses“ genannt werden, verändert sich das Bild auf ganz erstaunliche Weise. Seit Barbara Kopples „Harlan County USA“ (1977) sind unabhängige Filmemacher, auf deren Filme man fast ausnahmslos in diesen Kinos stößt, geradezu versessen darauf, die Defizite der Hollywood-Studios bei der Befassung mit Themen aus der realen Welt auszugleichen. Das geschieht in so hohem Maße, dass vom Publikum jedwedes Filmemachen außerhalb des Dunstkreises von Hollywood inzwischen damit identifiziert wird – oft zum geschäftlichen Nachteil der Independents, die in den Augen der meisten Kinogänger als Leute dastehen, die anderen die Laune verderben. So weit sind wir bereits gekommen in der instinktiven Abwehr jedes Realitätsbezugs im Kino, dass die Mehrheit des amerikanischen Publikums Vorurteile gegenüber Filmen entwickelt hat, die nicht mit dem Namen eines von Hollywood vereinnahmten Stars oder Regisseurs behaftet sind. Um wie viel schwerer haben es in einem solchen Umfeld Filme wie Courtney Hunts „Frozen River“, Kelly Reichardts „Wendy and Lucy“ und John Hillcoats „The Road“, die ihre Geschichten auch noch auf ganz wenige Personen reduzieren und in Milieus ansiedeln, die von der Majorität der Kinobesucher von vornherein als zu depressiv zurückgewiesen werden? Es sind aber gerade Filme wie diese und die literarischen Vorlagen von Schriftstellern wie Cormac McCarthy und Daniel Woodrell, die im Begriff sind, ein Genre neu zu beleben, das den Blick weitet für das Amerika jenseits von Glanz und Glamour, für das andere Amerika.

Soeben ist wieder ein Film in den amerikanischen Kinos erschienen, der stellvertretend für die wachsende Zahl von Autoren und Regisseuren stehen kann, die sich auf die im Filmschaffen so vernachlässigten suburbanen und ländlichen Gegenden einlassen, von denen in den täglichen Nachrichten und in den Spalten der Zeitungen nur die Rede ist, wenn von Migrationen oder Naturkatastrophen berichtet wird. Die heute 47-jährige Regisseurin Debra Granik hat vor sechs Jahren schon einmal einen Film in der Abgeschiedenheit einer Kleinstadt angesiedelt. „Down to the Bone“ war die Story einer Supermarktkassiererin, die in einer Umgebung, in der Rauschgift Bestandteil des Alltags ist, mit ihrer eigenen Abhängigkeit fertig werden muss. Was damals noch auf konventionelle Weise als Geschichte einer angefochtenen, die eigenen Schwächen und die Unbillen der Umwelt überwindenden jungen Frau erzählt wurde, gerinnt in Graniks neuem Film „Winter’s Bone“ zur künstlerischen Verdichtung des Lebens in einer der armseligsten Ecken der Vereinigten Staaten, den Ozark Mountains im südwestlichen Missouri. „Winter’s Bone“ ist mehr eine Beschreibung der fast archaisch anmutenden Lebensbedingungen in diesem schwach besiedelten Landstrich, an dem die moderne Zivilisation spurlos vorbeigegangen zu sein scheint, als eine Filmstory.

Die Menschen, die dort leben, sind so weit vom Mainstream der amerikanischen Kultur entfernt, dass man fast vermuten könnte, in ein anderes Universum versetzt worden zu sein, dessen Zeitrechnung lange hinter der unseren her hinkt. Daniel Woodrell, nach dessen jüngstem Roman der Film gedreht wurde, betrachtet das Schicksal der 17-jährigen Protagonistin als den Anker für die Dokumentation einer Familienkultur, die eher einem Clan aus vergangenen Jahrhunderten ähnelt und die von der Außenwelt nichts als Unheil befürchtet: „Jedesmal, wenn die Menschen mit der Welt in Berührung kommen, erwartet sie nichts als ein Strafzettel, die Gefängniszelle oder die Einberufung. Nie etwas Gutes. So leben sie denn nach ihrem eigenen Wertesystem.“

Jeder ist ein Krimineller

Die 17-jährige Ree könnte selbst noch ein halbes Kind sein, hätte sie nicht eine kranke, katatonische Mutter und zwei jüngere Geschwister zu versorgen. Als sie erfährt, dass der Vater wegen eines Vergehens gegen das Drogengesetz festgenommen wurde und geflohen ist, sieht sie sich vom Verlust ihres letzten Halts in der armseligen Umgebung, die sie ihr Zuhause nennt, bedroht: Der Vater hat das Haus dem Gericht als Kaution gestellt, was für Ree und den Rest ihrer Familie bedeutet, dass sie binnen einer Woche ausziehen müssten, falls der Vater nicht lebendig oder tot gefunden wird. Rees Versuche, reihum bei ihren Verwandten Hilfe zu finden, scheitern an deren Verschlossenheit gegenüber der Außenwelt und einem rigiden, zur Selbstverteidigung dienenden Verhaltenskodex. Graniks Film referiert die Geschehnisse kommentarlos wie eine Odyssee, die Schritt für Schritt einem unabwendbaren Ende entgegen führt. Was „Winter’s Bone“ so faszinierend macht, ist nicht nur, dass der Film Einblick gibt in eine Lebensform, von der man kaum ahnte, dass sie in einer zivilisierten modernen Gesellschaft noch existieren könnte, sondern es ist auch die Unvoreingenommenheit, mit der er sich diesem Lebensraum nähert, in dem nach den Regeln der Außenwelt jeder kriminell ist oder zumindest in Abhängigkeit von einem Kriminellen existiert.

So weit wie Rees Welt von der unsrigen entfernt ist, so weit ist Debra Graniks Film von Hollywood entfernt. Nur ein Autor wie Daniel Woodrell, der selbst in den Ozarks lebt, war wohl in der Lage, ohne jede Abschätzigkeit und jedes Werturteil in die innersten Funktionsweisen eines Menschenschlags vorzudringen, der so oder ähnlich in den scheinbar endlosen ländlichen Gegenden Amerikas zum kaum zur Kenntnis genommenen Alltag gehört: Menschen zwischen Verzweiflung und unauslöschlichem Überlebenswillen. Debra Granik hat aus Woodrells Prosa einen Film gemacht, der sich – wie die Menschen, die er beschreibt – allen Regeln widersetzt, ein Film, der mit ebenso sachlichen wie lyrischen Bildern von einer hermetischen Welt erzählt, von einem anderen Amerika.
Franz Everschor
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