Tag 2 Ein großes Epos eines renommierten italienischen Regie-Altmeisters über ein halbes Jahrhundert wildbewegter italienischer Geschichte, gespiegelt anhand einer sizilianischen Familie bzw. ihres Städtchens: Dem Anspruch, als Eröffnungsfilm der "Mostra" so etwas wie ein Paradestück der Cinematografie des Gastgeberlandes zu bieten, wurde Giuseppe Tornatores "Baarìa" nicht gerecht. "Una noia kolossal", "kolossale Langeweile" bescheinigte eine italienische Tageszeitung dem Film wenig schmeichelhaft; dem kann man höchstens in Hinblick auf die suggestiven Bilder der sizilianischen Landschaft und Architektur zaghaft widersprechen, die einem die fast zweieinhalb Stunden immerhin nicht als verschwendete Zeit erscheinen lassen. Tornatore selbst bezeichnet "Baarìa" im Festivalkatalog als seinen "persönlichsten" Film; vielleicht liegt gerade in dieser großen Nähe des sizilianischen Filmemachers zu seinem Sujet das Problem. Man hat den Eindruck, als wolle "Baaria" einfach zu viel erzählen: vom Faschismus und dem Krieg, vom kargen, handwerklich-bäuerlichen Leben, von Hunger und sozialer Ungerechtigkeit, vom Kommunismus, Familienbeziehungen, der Liebe, den Träumen und Enttäuschungen, von Sizilien, seiner Mentalität und seinen Mythen, schließlich auch noch vom Kino selbst. "Baarìa" reißt, indem er das Leben von Vater, Sohn und Enkel einer Schäferfamilie von den 1930er-Jahren bis in die 1980er-Jahre Revue passieren lässt, all diese Themen an, bleibt aber überall nur an der Oberfläche und lässt zu viele Fäden der Erzählung lose im Ungefähren enden. Darüber liegt ein (über-)großer melodramatischer Score von Ennio Morricone, der wirkt, als hätte im Nachhinein jede Menge Leim über die Splitter der Geschichte gegossen werden sollen, um alles emotional zusammen zu halten - leider ohne Erfolg.
Die Pressevorführungen am heutigen Vormittag galten wesentlich stimmigeren Beiträgen, beide aus den USA. "The Road" von John Hillcoat ist, ähnlich wie sein Down-Under-Western "The Proposition", eine Reise in eine apokalyptisch-lebensfeindliche Welt, in der soziale Strukturen nicht vorhanden bzw. zusammengebrochen sind und das Individuum sich nur auf sich selbst oder die Blutsbande verlassen kann, die auf einer vorsozialen Instinkt-Ebene ein Minimum an Mitmenschlichkeit sichern. Nach einem Roman von Cormac McCarthy erzählt der Film von einem Vater und seinem Sohn, die nach einer nicht näher erklärten Katastrophe in einer abgestorbenen Umwelt um ihr Leben kämpfen müssen – gegen eine Natur, in der es keine Nahrung mehr gibt, keine Wärme und keinen blauen Himmel, und gegen andere Überlebende, die aus Not zu Kannibalen werden. Nur von wenigen Rückblenden unterbrochen – Erinnerungen an die tote Mutter, die in der verwüsteten Welt nicht mehr leben wollte und den Freitod wählte – folgt der Film als grimmiges Roadmovie der dezimierten Familie, die kein konkreteres Ziel hat als ein vages "nach Süden"; und in der der einzige Anker das liebevolle Band zwischen Vater und Sohn ist. Die Gefahren, denen sie sich dabei stellen müssen, sind allerdings nicht nur der ständige Hunger, Krankheit oder Banden von Menschenfressern, sondern vielmehr die nagenden Fragen nach dem, was Menschsein ausmacht oder ausmachen sollte. Hierin bleibt Hillcoat sich auch in einem Genrefilm treu, der (vor allem am Ende) durchaus hollywood-affiner ist als "The Proposition". Der Film lebt nicht zuletzt von der erschreckenden grausigen Beiläufigkeit, mit der er sein Schreckensszenario erkundet: ohne seine Gräuel auszuschlachten und Gefahrensituationen bis zum äußersten Thrill auszureizen, aber auch ohne dem Zuschauer oder den Figuren (über weite Strecken) eine Hoffnung, ein Ziel, eine Aussicht zu eröffnen, die beim Durchstehen der Nöte helfen könnte.
Todd Solondz' "Life During Wartime" schliesslich bot mit der Fortschreibung von "Happiness" ein erstes veritables Highlight des Wettbewerbs. Der Film um drei sehr unterschiedliche Schwestern (wobei Helen, die Erfolgsautorin, nur am Rande auftaucht, während die fragile, idealistische Joy sowie Hausfrau und Mutter Trish und ihre Kinder im Mittelpunkt stehen) entwickelt sich als Gratwanderung zwischen überspitzter Groteske, Familienkomödie und Drama mit leicht surrealen Zügen, situiert in einem Florida, aus dem die brillante, messerscharfe Inszenierung ein degeneriert sonnig-buntes Wunderland gescheiterter Träume macht. Thematisch kreist der Film um die Versuche der Figuren, ihre von diversen Verwundungen und grausamen Enttäuschungen gezeichneten Beziehungen bzw. familiäre Bindungen wieder in den Griff zu bekommen, die Sehnsucht nach intakter familiärer Nähe zu befriedigen oder aber Vergebung für eingebildete oder echte Fehler zu erlangen. Das entpuppt sich einmal mehr als tragikomisches bis beklemmendes Unterfangen ohne wirkliche Aussicht auf Erfolg, was die oft statisch inszenierten oder von betont schlafwandlerisch-langsamer Bewegung geprägten Situationen schon andeuten, in denen Solondz seine Figuren sozusagen "festsetzt". Als Diagnose eines gegenwärtigen mittelständischen Amerikas könnte Solondz' Film kaum beißender sein. Felicitas Kleiner zum Tagebuch (1) |