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Die Fremdefd-aktuell
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Eine gesichtslose Trabantenstadt am Rande Istanbuls, gleichförmige Hochhausblocks inmitten einer Steinwüste. Umay lebt dort mit ihrem Mann Kemal und dem gemeinsamen Sohn Cem. Gerade kehrt sie aus der Stadt zurück, von einem heimlichen Arztbesuch; sie hat einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Dass die Familie in Feo Aladags Regiedebüt „Die Fremde“ kein Hort von Frieden, Verständnis und Harmonie ist, wird spätestens beim Essen klar. Kemal ist jähzornig und gewalttätig, seine Verwandten quittieren den Ausbruch mit Schweigen, ein Machtwort wird gesprochen: Jeder soll seinen Teller aufessen. Dann steht Umay mit Cem bei ihren Eltern vor der Tür, zu Hause in Deutschland. Umay will nicht mehr zurück in die Türkei zu ihrem Mann. Sie will in Berlin bleiben, ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben führen. Die Geborgenheit, die sie in der fremden, erzwungenen Heimat so vermisst hat, hofft Umay hier zu finden, bei ihrer Mutter, dem Vater, den zwei Brüdern und ihrer kleinen Schwester. Zumindest aber hofft sie auf Verständnis. So beginnt „Die Fremde“. Davor gibt es einen kurzen Blick in die Zukunft: Umay, Cem und ihr jüngerer Bruder Acar gehen eine Straße in Berlin entlang, sie streicht ihrem Bruder zärtlich über den Rücken. In einer Hauseinfahrt bleiben die drei stehen. Acar richtet eine Waffe auf Umay.

Hatun Sürücü war eine Deutsche kurdischer Herkunft, die in Deutschland zur Welt kam. Mit ihrem kleinen Sohn flog sie nach Berlin zurück, um die Zwangsehe in der Türkei hinter sich zu lassen. Sie machte ihren Schulabschluss nach, begann eine Lehre, wollte ein eigenständiges Leben nach westlichen Maßstäben führen, mit denen sie aufgewachsen war. Sie hielt den Kontakt zu ihren Eltern und Geschwistern. Der von der Familie gemeinschaftlich geplante Mord an ihr löste 2005 in Deutschland eine Debatte aus über Zwangsheirat, so genannte Ehrenmorde und Integration. 2008 schreckte der Mord an Morsal Obeidi die Öffentlichkeit. Für 2009 verzeichnet die Internetseite ehrenmord.de 28 mutmaßliche Ehrenmorde an Frauen. Es ist erstaunlich, dass es bislang noch keinen Kinofilm gab, der das Thema behandelt – weshalb „Die Fremde“ längst überfällig war.

Sich an ein solches Thema heran zu wagen, das heftige Reaktionen auf allen Seiten provoziert, ist mutig. Züli Aladag, der Mann der in Wien geborenen Regisseurin und (zusammen mit ihr) auch Produzent von „Die Fremde“, hat selbst erlebt, was für Folgen dies haben kann. Sein Fernsehfilm „Wut“ (2008), in dem ein türkischstämmiger Jugendlicher eine wohlstandsbürgerliche deutsche Familie terrorisiert, wurde von der ARD kurzfristig von der Prime Time ins Spätabendprogramm verschoben. Dieser Schritt zog wie der Film kontroverse Diskussionen nach sich. Es ist schwierig, bei der Geschichte und der Zeichnung der Figuren nicht in politischer Korrektheit zu ersticken, nicht in Klischees zu verfallen. Feo Aladag, die auch das Drehbuch zu „Die Fremde“ geschrieben hat, versucht, ihre Charaktere nicht als Abziehbilder zu gestalten. Gerade die Männer, die zu Tätern werden, Umays Vater und ihre beiden Brüder, werden mit Motivationen und widerstreitenden Gefühlen ausgestattet. Nur Mehmet, der ältere Bruder, bleibt als von Testosteron gesteuertes Muskelpaket etwas eindimensional. Die Welt der Männer ist geprägt von Sprachlosigkeit, von der nicht erlernten und nicht kultivierten Fähigkeit, Probleme verbal zu lösen. Ein richtiger Mann zu sein heißt, Taten sprechen zu lassen. Auf diese Weise wird ein überkommener Verhaltenskodex von Generation zu Generation überliefert. Aladag zeigt das eindrucksvoll anhand der Reise in die Türkei, die Umays Vater in sein Heimatdorf unternimmt. Schweigend sitzt er dort seinem Vater gegenüber. Gewissermaßen mit der Waffe im Gepäck kehrt er nach Deutschland zurück. Eine echte Wiederentdeckung ist Sibel Kekilli, die in einer größeren Kinorolle zuletzt 2006 an der Seite von Josef Bierbichler in „Winterreise“ (fd 37 919) zu sehen war. Sie spielt die Umay überzeugend und mitreißend. Dass Umay trotz massiver Zurückweisung und körperlicher Gewalt immer wieder die Nähe ihrer Familie sucht, vermittelt Sibel Kekilli mit einer Intensität, die den Zuschauer das scheinbar irrationale Handeln der Hauptfigur schmerzhaft nachvollziehen lässt. Dabei ist „Die Fremde“ so spannend und aufreibend wie ein Thriller. Fast wirkt es, als sei das Ende des Films, das stark auf Effekt setzt, dem geschuldet – in der Aussage bleibt es jedenfalls ambivalent. Aber eigentlich ist es doch ganz einfach, wie ein dem Presseheft vorangestelltes Zitat aus dem Theaterstück „Wegen der Ehre“ der deutsch-türkischen Autorin Sema Meray illustriert: „Es gibt keinen Ehrenmord und keinen Eifersuchtsmord. Es gibt nur Mord.“

Julia Teichmann, FILM-DIENST 5/2010

DVD-Release: 27. August 2010 (Twentieth Centruy Fox Home Ent.)

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